Rennes-les-Bains (Aude) – die Römer und der merkwürdige Abbè Boudet

“Wie im Einschnitt einer unreifen Frucht lag das langgezogene, etwas düstere Rennes-les-Bains unter ihnen, als sie nach einer guten Stunde Fahrt dort ankamen …”

(Aus “Talmi” v. H. L. Köppel, S. 307 ff)

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Romanschauplatz Rennes-les-Bains

Rennes-les-Bains liegt im Aude-Gebiet, im Tal des Flusses Sals, 48 km südlich von Carcassonne und 20 km von Limoux entfernt. Der malerische Ort, keltisch-römischen Ursprungs, lag im Mittelalter im Herzen des Katharerlandes. Er ist berühmt geworden als “Badeort der Römer”*, aber auch als “Schwesterstadt” des 3 km entfernten Bergnestes Rennes-le-Château – und nicht zuletzt aufgrund des rätselhaften Buches seines früheren Pfarrers Henri Boudet (1837-1915): “Die wahre Sprache der Kelten und der Kromleck von Rennes-les-Bains”. Ein Buch, das nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1886 von der Fachwelt als “unseriöse und urkomische Schrift” bezeichnet wurde. Zwischen den Zeilen jedoch blitzt das “Geheimnis einer lokalen Geschichte” auf.
Ich selbst kenne Rennes-les-Bains seit mehr als zwanzig Jahren. Der Ort ist zum Schauplatz in meinem Historischen Roman “Marie – die Erbin des Grals”** geworden und fand auch Eingang in meinen Thriller “Talmi”.

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* Im Jahr 121 v. Chr. besetzten die Römer dieses Gebiet, das den Namen “Gallia Togata” oder “Gallia Narbonnensis” erhielt.
** Die Geschichte der Marie Denarnaud, Haushälterin und Geliebte des benachbarten Priesters von Rennes-le-Château; Einfluss von Boudet auf Saunière etc.

Rennes-les-Bains und die Region “Rhedesium”

Die Region des sogenannten “Rhedesiums” (später Razès genannt) ist sehr alt: Iberer, Kelten, Griechen, Römer, Westgoten und Karolinger haben hier ihre Spuren hinterlassen.
Der Name “Rennes” wurde sowohl von Rennes-le-Château als auch von Rennes-les-Bains übernommen, um an den Aufenthalt einer Königin (fr: reine) zu erinnern. Um welche es sich gehandelt hat, weiß man nicht mehr: Zur Auswahl stehen Blanche de Castile und Blanche de Bourbon, die unglückliche Frau von Peter dem Grausamen. Vermutlich war es letztere, die auf ihrem Weg nach Puilaurens, zu ihrer Hochzeit, hier noch einmal badete.
Bis zum 18. Jahrhundert war Rennes-les-Bains unter dem Namen “Les Bains de Monferan” (Die Bäder von Monferan/Montferrand) bekannt. Montferrand ist ein Dorf auf einem Hügel im Nordwesten. Ausgrabungen haben dort eine gallorömische Fundstätte ans Tageslicht gebracht. Doch Rennes-les-Bains hat Montferrand den Rang abgelaufen. (Antike Dokumente beziehen sich aber immer auf Monferan/Montferrand.)

Der Kopf der keltischen Quellgöttin Damona?

Ein besonderes Überbleibsel vermutlich aus Keltischer Zeit befand sich noch im Jahr 1992 (oder 1972?) an der Ostwand des Pfarrhauses. Abbé Boudet hat den Kopf dort anbringen lassen, nachdem er ihn östlich von Rennes-les-Bains entdeckt, wohl mit der Spitzhacke vom Sockel geschlagen und mitgenommen hatte. Der Fundort, ein uraltes Quellheiligtum, war unter dem Namen “Pla de las Brugos” bekannt: “Hexenplatz”. Hier wurde früher vielleicht die keltische Göttin Damona verehrt. Die Ähnlichkeit (Frisur) mit Abbildungen dieser Göttin ist frappant.
Dass Boudet den steinernen Kopf kurzerhand in “Tête de l’homme” umbenannte – “Kopf eines Mannes” – sollte Jahrzehnte später den Gerüchtetopf in halb Europa zum Aufwallen bringen: Die einen mutmaßten, es handle sich um die Abbildung von Jesus Christus, der hier irgendwo begraben sei, andere sahen in ihm den Kopf des Merowingerkönigs Dagobert II.

Für einige Zeit befand sich der halbverwitterte Kopf noch – neben vielen Fundstücken aus der Römerzeit – im örtlichen Museum. Doch dieses existiert heute leider nicht mehr. Schade eigentlich!

Rennes-les-Bains und die Römer

Unzählige Münzen und archäologische Funde, darunter auch antikes Glas, beweisen, dass das Heilbad Rennes-les-Bains bei der römischen Kolonie COLONIA NARBO MARTIUS** äußerst beliebt war. Ein ehemaliger Priester (Antoine Delmas) hat im Jahr 1709 einen Bericht über Rennes-les-Bains verfast, in dem er die Ruinen der römischen Thermalbäder beschreibt (heute verschwunden) und auch auf die Funde näher eingeht. Er berichtet von Münzen aus Gold, Silber und Bronze, u.a. von Domitianus, Justitian, Gordianus, Tiberius, Julius Caesar, Claudius, Gratianus etc. Auch Statuetten von römischen Kaisern und den Göttern Jupiter und Mercurius wurden gefunden, sowie römische Lampen, Mosaikböden, alte Instrumente, gallo-römische Amphoren und Fragmente von Statuen. Ein weiterer Pfarrer und Archäologe, der Rennes-les-Bains in dieser Zeit besuchte, berichtete über mehr als 400 Gold- und Silbermünzen aus der Römerzeit, die er in der Gegend gefunden haben will. Es wurde hier also schon früher fleißig gesucht und gegraben. Sogar ganz offiziell: So erhielt ein gewisser Henri-Paul Elie im Jahr 1857 die Silbermedaille der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Toulouse) für seine Entdeckungen in Rennes-les-Bains: Zwei Räder und diverse Fragmente eines bronzenen Streitwagens, die auf dem Gebiet der Gemeinde entdeckt wurden.
Mit seinen neun Quellen und unterschiedlichen Wassertemperaturen lag Rennes-les-Bains in einer der ersten Provinzen, die überhaupt von den Römern besetzt wurden. Das Teilstück einer ihrer Straßen ist noch auffindbar. Von Montferrand aus führt der Weg, der mit großen Quaderpflastern belegt ist, rechts in den Wald. Vermutlich handelt es sich um einen Abschnitt einer einst großen Straße, die Carcassonne mit der katalanischen Küste verband und über den Col Saint Louis, wie der Passübergang heute heißt, führte.

** – ein Gebiet, das dem heutigen Languedoc und der Provence entspricht.

Die römischen Bauwerke in Rennes-les-Bains (ohne Gewähr!)

“Der Pfarrer Boudet hütet ein Geheimnis,
das die größten Umstürze verursachen könnte!”

Das Tor des Geldes, das Tor des Goldes und das Tor der Myrrhe” – Zugänge zu einem unterirdischen Heiligtum?

Bereits antike Autoren wie Strabo, Prokopios von Caesarea oder Pomponius Mela (der in der Nähe des Bugarachs eine alte Goldmine verortete) zeigten ein auffälliges Interesse an der Umgebung der beiden Rennes. Und fast immer ging es um Gold und wertvolle Schätze. Oder um ein Geheimnis. Der Autor Labouisse-Rochefort (1778-1852) schreibt z.B. in seinem Buch Voyage à Rennes-les-Bains (Reise nach Rennes-les-Bains) von einem vom Teufel bewachten Schatz in der Nähe des Château de Blanchefort*. (Ruine Blanchefort s. Foto oben). Und folgt man einer alten örtlichen Legende, so geht es um drei Tore: Das Tor des Geldes, das Tor des Goldes und das Tor der Myrrhe, drei geheime Zugänge zu einem unterirdischen Heiligtum.
Gefunden hat sie bislang niemand.

Es war aber Abbè Henri Boudet (1837-1915), der wohl berühmteste Priester von Rennes-les-Bains, der – gemeinsam mit seinem Kollegen Bérenger Saunière – die Schatzsuche kräftig anheizte. Dass bereits ein Zeitgenosse, der Priester R. P. Vannier, über ihn sagte: “Der Pfarrer Boudet hütet ein Geheimnis, das die größten Umstürze verursachen könnte”, lässt die Menschen bis heute aufhorchen, nachdenken und spekulieren. Manchmal schreiben. Und manchmal graben, in alten Büchern oder vor Ort.
In Boudets Buch “La Vraie langue celtique: et le cromleck de Rennes-les-Bains”, das im Jahr 1886 veröffentlicht wurde, spielt u.a. der benachbarte Berg Serbairou eine Rolle. Dort fand er vermutlich nicht die gesuchten drei Tore, auch nicht “das Grab Christi”, wie manche Autoren es ihm unterstellen, sondern einen riesigen “Kromleck”. (Mit Cromlech bezeichnet man im Kreis angeordnete aufrecht stehende Steine, also Menhire.)
Entdeckte der passionierte Wanderer ein keltisches Quellheiligtum auf dem Berg? Einen Platz, an dem sich die Druiden versammelten – “die gelehrten Mitglieder des Neimheid”, wie Boudet selbst schreibt? Ausgeschlossen ist dies nicht. Vielleicht hat es sich ursprünglich um eine auf natürliche Weise entstandene Felsformation gehandelt, der die Kelten für ihre Zeremonien weitere Menhire beigesellten. Überall um Rennes-les-Bains gibt es ja diese auffälligen Steine, aber eben auch zahlreiche Schluchten, Höhlen, Grotten und Stollen, wo man Schätze vermutet. Selbst aufgelassene Minen hat man entdeckt, in denen z.B. Gagat abgebaut wurde (für Jett-Schmuck).
Immerhin was Glänzendes! 🙂

Boudet, der bereits von seinen Zeitgenossen als Gelehrter betrachtet wurde, beschäftigte sich jedoch nicht nur mit keltischen Monumenten und uraltem Wissen, sondern auch mit alten Sprachen, d.h. er suchte nach Ähnlichkeiten des Südfranzösischen mit der keltischen Sprache. Leider hat er sein Buch in einer “codierten Sprache” ** verfasst, d.h. er bediente sich eines gewissen Jargons, der einem als Laien das Lesen und Verstehen erschwert. Aber gerade das scheint die Fantasie vieler Menschen bis heute anzuregen. Es ist ein seltsames Buch, in dem Boudet aber ganz offen den Zweck der Aufwendungen ankündigt: “Durch die Interpretation eines in einer fremden Sprache gebildeten Namens in das Geheimnis einer lokalen Geschichte eindringen …”
Nun, es darf fröhlich weiter gerätselt werden!
In seinem Buch gibt Boudet aber auch wertvolle Hinweise auf sehenswerte Kirchen in der Umgebung, wie z.B. Notre-Dame-de-Marceille und Notre-Dame-du-Cros.
Beide Kirchen besitzen ebenfalls heilkräftige Quellen, sind reich an Mythen und Legenden und einen Besuch wert!

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*Herkunftsort eines gleichnamigen Templer-Großmeisters, s. Foto oben
**Boudets “codierte Sprache” weist Ähnlichkeit mit der vom Schriftsteller Jonathan Swift entwickelten “punischen Sprache” auf. Die punische Verschlüsselung ist einem Wortspiel ähnlich.

Die neun Quellen von Rennes-les-Bains

Schon seit Jahrtausenden geniesen die Menschen heißes Quellwasser. Die alten Römerthermen von Rennes-les-Bains sowie das alte Thermalgebäude wurden aufgegeben, aber die 9 Quellen, 5 warme (von 37-40°) und 4 kalte, sprudeln hier noch immer.
Es gibt inzwischen ein neues Thermalschwimmbad, das eine natürliche Temperatur von 33 ° hat, und auch ein Jacuzzi und einen Hammam anbietet.
Unten am Fluss kann man sich jederzeit gratis unter die warme Dusche legen.
Kleiner Hinweis: Um an dieser exponierten Stelle zu baden, steht man auch gerne mal in der Sals Schlange! 🙂



“Les Bains Doux” – eine der warmen Quellen ( 37° ) entspringt beim ehemaligen Thermalgebäude

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Die Gärten der Königin, elegante Kurgäste und eine “Liebesquelle”

In den “Gärten der Königin” (Foto unten links) entspringt eine warme Quelle direkt im Fluss Sals.
Das mittlere Foto nimmt uns mit in eine Zeit, in der die eleganten Kurgäste aus aller Welt in Rennes-les-Bains weilten. Es gab ein Grand Hôtel!
Rechts unten werfen wir einen Blick auf die romantische “Fontaine des Amours”, eine weitere (allerdings kalte) Quelle mit Kaskaden, die etwas außerhalb von Rennes-les-Bains liegt, in Richtung Bugarach.

(Eine bestimmte Szene in meinem Roman “Talmi” spielt an der “Fontaine des Amours.)

Rennes-les-Bains hat viele Gesichter, zuviele?


Zuviel geht eigentlich gar nicht, wenn man in Südfrankreich auf Reisen ist!
Mal ist Rennes-les-Bains ein verrücktes südfranzösisches Nest, in dem sich neben sympathischen Alt-Hippies auch allerlei Forscher und Schriftsteller treffen, die sich mit vielfältigen Themen befassen, darunter, wie ich, auch mit der Geschichte der Katharer.
Die “Rennologen-Gemeinde” findet man zuverlässig auf dem schattigen Platanenplatz, meist vor dem Lokal “Chez Willi” sitzend, wo es – pst! – die besten Pizzen Frankreichs gibt … Wasserfreunde und Kinder hingegen lieben die Sals, die im Sommer auch zum Angeln und Fischen einlädt. Für Wellness sind die Quellen und Bäder da. Höhlenforscher, Wanderer und Kletterer – oder aber Schatzsucher! – zieht es in die umliegenden Berge und Wälder, z.B. zu den “Schwankenden Steinen” (Foto oben) und anderen Naturschönheiten. Auch Kunstfreunde kommen hier auf ihre Kosten, die Klöster und Kirchen in der Umgebung sind sehenswert. Und mitunter schreien hier des Abends die Pfaue, die oben auf den Hängen gehalten werden. Aber daran gewöhnt man sich schnell.
Noch was: Donnerstags und Samstags ist Markttag (auch regionale Produkte). Und in der Saison finden auf dem Marktplatz manchmal Konzerte statt.
Und dann steppt hier der Bär! 🙂

Das stille Gesicht von Rennes-les-Bains

Ein Gesicht von Rennes-le-Bains ist still. Sehr still.
Man entdeckt es am frühen Morgen, wenn die Katzen umherstreunen und nur das Rauschen der Sals zu hören ist. Dann bin ich oft auf den Beinen und streife mit meiner Kamera durch die menschenleeren Gassen …

Rennes-les-Bains – ganz, ganz still

Auf dem Friedhof hinter der Kirche liegen – einträchtig nebeneinander – die alten Familiengräber der “üblichen Verdächtigen in der Causa Rennes-le-Château & Rennes-les-Bains”. Mögen sie in Frieden ruhen!

Henri Boudet selbst liegt im benachbarten Ort Axat begraben, neben seinem Bruder Edmond.
Auf seiner Grabplatte, die einige unleserliche Inschriften aufweist, hat der Steinmetz das geheimnisvolle Buch des Priesters verewigt, für dessen Druck Boudet aus eigener Tasche mehr als 5000 Goldfranc aufgewendet haben soll. Der Erfolg blieb aus, einige hundert Bücher wurden als Geschenke an interessierte Priester verteilt, zwei gingen nach England (Oxford University und an Königin Viktoria), die Restauflage hat man auf Drängen des damaligen Bischofs vernichtet.
Die steinerne Ausgabe trägt die Aufschrift: “IXOYS” (= Ichthys), also die bekannten Anfangsbuchstaben der fünf griechischen Wörter für: Jesus Christos Gottes Sohn Erlöser.
Das einzig Seltsame dabei ist, dass der Steinmetz anstelle des Buchstaben (Y)psilon ein (I)ota verwendet hat – was natürlich ein allerletztes Rätsel aufwirft! 🙂

Vielen Dank für Ihre Begleitung durch die aufregenden Zeiten von Rennes-le-Bains!

NEU im Jahr 2024:
Im Jahr 2024 hat Helene L. Köppel die damaligen Vorgänge in Rennes-le-Château noch einmal aus einem anderen Blickwinkel unter die Lupe genommen
und nach ihrem Roman “Marie – die Erbin des Grals” ein Sequel geschrieben – also eine Fortsetzung, die im Jahr 1920 spielt:
“Adieu, Marie! Die Briefe”.
Die erstmals ins Deutsche übersetzten privaten Briefe des Priesters (ergänzt durch weitere Dokumente)
gewähren interessante neue Einblicke in die historisch verbürgten Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Rennes-le-Château.

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“Adieu, Marie! – Die Briefe” (Historisch: Rennes-le-Château-Roman 2)

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Serres (Aude): Das Kreuz mit dem doppelten Kreuz und andere Merkwürdigkeiten

Inhaltsverzeichnis

Serres ist eine kleine südfranzösische Gemeinde im Département Aude, in der Region Okzitanien.

Der nur 70 Einwohner zählende Ort liegt am Flüsschen Rialsesse, das nach nur einem Kilometer in die Sals mündet, die ihrerseits in Couiza in die Aude fließt.

Nur vier Kilometer östlich liegt der prachtvolle Wohnbergfried von Arques, über den ich bereits geschrieben habe.

Geweiht dem “Heiligen Petrus in Ketten”

Die eher unscheinbare kleine Kirche von Serres, die “dem Heiligen Petrus in Ketten” geweiht ist, ist vermutlich romanischen Ursprungs (11./12. Jh.)
Sie beherbergt Kreuze, faszinierende Wandmalereien und zwei Altar-Figuren, die Rätsel aufwerfen. LiebhaberInnen von Geheimnissen, vor allem von solchen, die einfach nicht entschlüsselt werden wollen, kommen hier voll auf ihre Kosten! 🙂

Das Kreuz mit den zwei Kreuzen – bis heute ungelöst!

In dieser Kirche, mittig über dem Altarbogen, kann man zwei Kreuze entdecken, die durch ihre Querarme miteinander verbunden sind. Den Grund für diese Darstellung kennt niemand. Rätselhaft auch die in einer Art Kartusche stehende Inschrift “INRI” (das Akronym des lateinischen Satzes “Jesus Nazarenus Rex Iudaeorum”) – rätselhaft deswegen, weil auch das zweite Kreuz (s. Foto oben rechts) eine solche Kartusche aufweist, jedoch ohne eine Inschrift.

Eine Verschwörungstheorie der Tempelritter?

Die zwei miteinander verbundenen Kreuze (aus rotem Ocker auf weißem Kalkgrund) sollen mit den Tempelrittern zu tun haben, sagt man – oder aber nach einem besonderen Vorkommnis angebracht worden sein. (Dabei könnte es sich um eine Epidemie im Ort gehandelt haben, vielleicht die Pest.) Das allein erklärt aber nicht die sonderbare Darstellung. Um einen Kalvarienberg (drei Kreuze mit Jesus in der Mitte) kann es sich eigentlich nicht handeln. Ein drittes Kreuz würde das Ensemble nach links abkippen lassen.
Doch was stellt dieses doppelte Kreuz (Jesus + ?) dann dar? Ein Hinweis auf die immer mal wieder auftauchende Theorie, nach der – statt Jesus – ein (namenloser?) Doppelgänger am Kreuz hing? Eine Verschwörungstheorie der Tempelritter?
Nach dem Kirchenvater Irenäus von Lyon vertrat ein gewisser Basilides von Alexandria (gnostischer Häretiker) die Lehre, dass Simon von Cyrene gekreuzigt wurde und nicht Jesus, weil Jesus die Gestalt des Simon angenommen habe und umgekehrt (Doketismus). Dass nicht Jesus hingerichtet wurde, sondern ein anderer, der ihm ähnlich sah, steht auch im Koran (Sure 4,157).
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Tempelritter der “Scheinleib-Theorie” anhingen. Schon gar nicht mitten im Katharerland*. Aber es gibt keine schriftlichen Aufzeichnungen, dass es sich bei der Kirche von Serres um eine ehemalige Templerkapelle handelt. Dafür sprechen nur die Bauweise und ein Tatzenkreuz (s. Foto oben), das sich an der Außenseite der Kirche befindet.
In der Nähe lag jedoch das Maison templière de Campagne-sur-Aude.

* Für die Katharer, die Dualisten waren, also an die Zweiteilung der Welt glaubten (gut und böse, oben und unten, schwarz und weiß), besaß Jesus auf Erden nur einen “Scheinleib”, denn sie sahen ihn als Engel und Prediger aus der geistigen Welt.

Eine weitere Theorie zum Doppelkreuz von Serres

Aus den sogenannten Pilatusakten des Nikodemus-Evangeliums kennen wir die Namen der beiden “Schächer” rechts und links von Jesus am Kreuz: Dismas, der Reue zeigt und zu Jesus aufschaut, worauf Jesus ihm das Paradies verspricht – und Kosmas, der Jesus verhöhnt und den Kopf von ihm abwendet. (Wobei “rechts und links vom Kreuz” von den Künstlern oft unterschiedlich dargestellt wird, d.h. entweder aus der Sicht von Jesus oder aus der des Betrachters.)
Zurück zur Theorie: Man weiß, dass sich um den “guten” Schächer Dismas seit dem Mittelalter ein Kult entwickelt hat: Sowohl in der katholischen Kirche (25. März) als auch in der orthodoxen Kirche (23. März) ist Dismas ein Gedenktag gewidmet. Er gilt zudem als Patron für Gefangene und Verurteilte, und stellt damit einen Bezug zu “Petrus in Ketten”, also dem Namensgeber der Kirche von Serres dar.

Es wäre jedenfalls eine nachvollziehbare Erklärung für das Doppelkreuz von Serres, wenn es sich hierbei um das Kreuz des “guten” Schächers Dismas handeln würde, der Jesus ins Paradies nachfolgte.

  • Serres
  • Kreuzigungsszene aus Limoux (Augustiner-Kapelle)
  • Serres



Auch eine Überlegung wert: Vielleicht hat man irgendwann den Namen in der zweiten Kartusche schlicht nicht mehr entziffern können, worauf ein verzweifelter Restaurator ihn unter den Tisch fallen ließ.
Fest steht: Alles ist möglich in Serres, nichts ist sicher! 🙂

Serres und die alten Fresken

Zum Rätseln laden auch die alten Fresken ein, die sich leider nicht im besten Zustand befinden.
Links eine befestigte Stadt, vielleicht Jerusalem? Bei den Figuren soll es sich um zwei männliche Personen handeln, die heilige Bücher in den Händen halten, bzw. einen Bischofsstab.
Einen ersten Bischofsstab, jedoch ohne Kreuz, trug der Legende nach bereits Petrus! Vielleicht ist ja er auf diesen Fresken dargestellt?
Bei einer Frau (mit Palme?) soll es sich um eine Märtyrerin handeln.
Ich selbst erkenne eine Schale in der Hand einer Frau.

Nachfolgend eine kleine Foto-Galerie aus dem Kircheninneren, anklicken zum Vergrößern ist möglich:

Serres:
Und dann auch noch ein Kreuz mit diesen beiden Figuren? 🙂

Die beiden unbekannten Heiligen von Serres,
rechts und links vom Altar geben ein weiteres Rätsel auf.

Wer auf diese Weise die Arme verschränkt, wie es weibliche Figur macht, gibt erst einmal nichts von sich preis. Schon gar keine Geheimnisse. Auch keine Namen. Nichts.
Bei der männlichen Figur handelt es sich für mich um den Namensgeber der Kirche von Serres, den Heiligen Petrus. Die überkreuzten Hände (sind ihm vielleicht soeben die Ketten abgefallen?) und der sehnsüchtige Blick nach oben, sprechen eine deutliche Sprache. Mit Petrus lässt sich aber eventuell auch das Rätsel um die Frau klären: Sie könnte den Engel darstellen, der Petrus gerade aus dem Jerusalemer Gefängnis befreit hat.

So weit so gut. Doch was, wenn jener Engel (ohne Flügel!) gar kein Engel war, sondern die Angetraute des Petrus?
Hat ihn vielleicht seine Frau aus dem Gefängnis befreit? War sie sein Engel in der Not?
Dass Simon Petrus, der Fischer vom See Genezareth, verheiratet war, ist bekannt. Er lebte zumindest zeitweise im Haus seiner “Schwiegermutter”. Über seine Frau schweigt sich die Bibel seltsamerweise aus. Kein Name. Nichts. Nur, dass sie einmal mit Petrus auf Reisen ging?
Doch nicht etwa hierher, nach Serres? 🙂

Wirklich alles sehr merkwürdig in dieser kleinen Kirche in Serres.

Kreuzlastig und doppeldeutig:

Das Doppelkreuz
Die Doppelgänger-Theorie
Die zwei Figuren mit ihren überkreuzten Armen bzw. Händen
Und die beiden Zwillings-Puttenköpfe am Altaraufsatz, die aber jüngeren Datums sind.


Nur eines scheint gesichert: Die weißen Altar-Figuren waren früher polychrom, also bunt bemalt, bis man sie irgendwann “überkalkt” hat.
Schade eigentlich …

*********************
Aber dann gibt es auch noch seltsame Dokumente, s. unten!

Blick auf den nicht minder geheimnisvollen Berg Bugarach, Foto HLK 2017
Blick auf den nicht minder geheimnisvollen Berg Bugarach (Aude-Gebiet)

Und zum Schluss:
Allons-y! Goldsucher vor Ort aufgepasst!
(natürlich ohne Gewähr! 🙂 )

Drei kleine Anregung zum Weiterforschen für die interessierte Fan-Gemeinde:
Es existiert ein Auszug aus dem Dictionnaire Topographique du Département de l’Aude, der darauf hinweist, dass sich im Vatikan ein besonderes Dokument über Serres befinden soll. Es stammt aus dem Jahr 1347 und trägt den (geheimnisvollen?) Titel “Propositus de Serris”. (Studie zur Erforschung von Serres.)
( Alle Wege führen also nach Rom! 🙂 )

Ein Auszug aus dem SESA-Newsletter, Jahrgang 37 – 1933 besagt, dass “Der Sieur de Serres (bei Arques), Yves de Michel, dem Herzog Gaston d’Orleans eine Vorführung erweist hätte, und zwar über die reichen und reichlich vorhandenen Goldminen, die er zum Wohle des Königs genutzt hätte.

Last but not least existiert wohl auch ein Brief vom 23.5.1472 von König Louis XI. von Frankreich über das “Gold von Serres”.
Allons-y – und viel Glück! Aber nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel! 🙂

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“Abkehr”, Thriller (Romanschauplätze: Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Marokko
“Adieu, Marie! – Die Briefe” (Historisch: Rennes-le-Château-Roman 2)

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Danke für Ihr Interesse!

Minervois: Notre Dame du Cros – reich an Legenden

Als ich im Jahr 2002 meinen Roman “Marie – Die Erbin des Grals” schrieb, befasste ich mich auch mit Henry Boudet, dem ehemaligen Priester von Rennes-les-Bains und einem der Drahtzieher im Geheimnis von Rennes-le-Château. Bei meinen Recherchen hatte ich erfahren, dass Boudet sein Vikariat (1862-1864) in der Region Caunes-Minervois durchlief – und zwar in der abseits gelegenen, kleinen Kirche Notre Dame du Cros.
Fünfzehn Jahre später machte ich endlich einen Abstecher hierher. Meine Neugierde war ungebrochen! 🙂
Von Minerve kommend, führte mich eine abenteuerliche Schotterpiste nach ND du Cros. Für die holprige Fahrt wurde ich allerdings voll entschädigt:

Eine stille, grüne Oase erwartete mich, flankiert von steilen Felswänden und einer Quelle. Eine Atmosphäre zum Durchatmen und Loslassen …

Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!

Notre-Dame-du Cros – ein altes Marienheiligtum bei einer Wasserquelle?

Das passt sehr gut zusammen, denn im Mittelalter war man davon überzeugt, dass Quellen, Teiche und Brunnen Tore ins Jenseits darstellen, einen Zugang zu einer anderen (vielleicht göttlichen) Welt. Das Märchen von Frau Holle erzählt eine solche “Jungfrau-mit-Brunnen”-Geschichte. Frau Holle wird heute mit der alten Göttin Hulda gleichgesetzt – oder der Perchta, der Hel. Den Platz der alten Göttinnen hat längst die Jungfrau Maria eingenommen.

(Zwei weitere Beispiele für die Madonnenverehrung im Zusammenhang mit Brunnenheiligtümern: Notre Dame de Marceille, Ille-sur-Têt.)

Eine Legende zuviel? 🙂

Notre-Dame-du Cros – eigentlich ranken sich zuviele Legenden um diesen Ort:
In der ersten Legende geht der Ursprung der Kapelle auf das 6. Jahrhundert zurück, als eine Hirtin am Fuß der Klippe eine Quelle sprudeln sah und ihr krankes Kind daraus trinken ließ. Das Kind wurde sofort gesund. Daraufhin errichtete man als Zeichen der Dankbarkeit drei kleine Kapellen aus “trockenen Steinen”, die sogenannten “Capeletos”, und der Ort wurde fortan ein Wallfahrtsheiligtum.


(Alle Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

Eine andere Legende spricht von einer Jungfrau, die in der Höhlung eines Felsens gefunden wurde, an der Stelle der heutigen Kapelle. Weil dieser Ort zu weit abgelegen war, transportierte man die kleine Statue nach Caunes. Aber in der Nacht darauf verschwand sie wieder, um in ihre Felsenhöhle zurückzukehren. Der Versuch, eine Kapelle vor Ort zu bauen, scheiterte: Die tagsüber ausgeführten Arbeiten wurden in der Nacht systematisch zerstört. Schließlich wurde ein Hammer aus rotem Marmor in die Luft geworfen – und er fiel genau auf die Stelle, an der heute Notre-Dame-du-Cros steht.

(Auch die Legende des Hammers findet sich oft in alten heidnisch-christlichen Heiligtümern. Viele in frühen christlichen Gräbern aufgefundene Thorshämmer erinnerten an das christliche Tau-Kreuz.)

Eine dritte Legende, entnommen aus La minerve française, aus dem Jahr 1918, wurde von E. de Jouy berichtet: “Eine fromme Frau, die von Fieber und Durst gequält wurde, wagte es nicht, ihre Hände in die Mulde des Brunnens von Notre-Came-Du-Cros zu tauchen, um ihren Durst zu stillen. Sie rief die Jungfrau an und ein Becher kam aus dem Felsen. Sie trank und wurde geheilt. Seitdem haben Tausende von Menschen mit Fieber durch ihre Heilung die fiebersenkende Wirkung des Bechers von Cros bezeugt. Niemand konnte bislang erklären, aus welcher Materie dieser wundersame Becher besteht. Er soll aus einem unbekannten rötlichen Material sein (Anmerkung: der rote Marmor von Caunes?) und auf der Rückseite Zeichen tragen, die niemand entziffern konnte. Als Pilger versuchten, etwas davon wegzunehmen, glaubte der damalige Kaplan von Cros, der Abt Jaffus, ihn schützen zu müssen, indem er ihn mit einem silbernen Brustpanzer überziehen ließ.

Der Becher von Cros – eine Art Heiliger Gral? 🙂
Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Beschreibung der im Kloster San Juan de la Pena befindlichen Grals-Replik, die ebenfalls aus rötlichem Stein gefertigt ist (in diesem Fall aus Achat und mit Goldmonturen gesichert). Auch hier spricht man von einer mysteriösen Inschrift: “Es gibt eine arabische Beschriftung, deren Interpretation unsicher ist …” Welcher Becher sich zeitweise in ND du Cros befand, kann heute niemand mehr sagen. Der Abt Jaffus scheint sein Geheimnis mit ins Grab genommen zu haben. Dass Henry Boudet diese Legende kannte und vor Ort Nachforschungen betrieb, ist für mich jedoch so gut wie sicher. Er war Priester, er wurde von seinen Zeitgenossen als “Gelehrter” betrachtet, er beschäftigte sich ausgiebig mit alten Sprachen, Legenden und Archäologie …

Eine letzte, nicht weniger kuriose Legende erzählt von einem Feuer, das “am Dienstag, dem 30. Juni” aus dem Marmorsteinbruch kam und sich in “schwindelerregender Geschwindigkeit” seinen Weg zum Heiligtum bahnte. Es gab kaum Hoffnung, dass die Kapelle unversehrt bleiben würde. Doch am Mittwochmorgen blieb das Feuer auf wundersame Weise stehen – direkt vor dem Steinkreuz – dem “Cros” – das traditionell den Eingang zum Heiligtumshügel markiert.
Anmerkung: In den Jahren, in denen Henry Boudet sein Vikariat hier absolvierte, wurde das “Cros” durch eine Statue ersetzt. (Quelle: Sabina Marineo, Die verborgene Kirche des Grals)

Notre-Dame-du-Cros – jenseits der Legenden

Gegründet um das Jahr 900,
erste Beurkundung auf einer Bulle des Papstes im Jahr 1118,
Hinterlassenschaften aus romanischer Zeit,
Altar für die Heilige Marguerite um das Jahr 1280,
Glockenweihe im Jahr 1607,
Prozession, mit der Bitte um Regen, im Jahr 1612,
diverse Restaurationen und feierliche Einsetzungen im 18. und 19. Jahrhundert.

Notre-Dame-du-Cros – Die Romanische Madonna
Im Kircheninneren fallen einem der prächtige rotgemaserte Marmor ins Auge, viele vergoldete Holzelemente und gemalte Leinwände – sowie die verschiedensten Marien-Darstellungen,
darunter auch die “wahre” Notre-Dame-du-Cros: eine kleine Romanische Madonna aus dem 12. Jahrhundert.

Hinweise für Wanderer und Bergsteiger:
In der Nähe von Notre-Dame-du-Cros befindet sich ein 16,6 Kilometer langer Rundweg. Er führt durch einen schönen Wald, vorbei an herrlichen Aussichtspunkten. Es gibt Wildblumen und auch Tiere lassen sich blicken. Aufgrund der Steigung und Distanz ist die Strecke jedoch als schwierig einzustufen. Die Route ist von März bis November zugänglich, Hunde sind erlaubt. Für passionierte Kletterer gibt es hier einen geologischen Canyon, eine felsige Schlucht und zum Klettern ausgestattete Felswände.

Vielen Dank für Ihr Interesse!

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“Adieu, Marie! – Die Briefe” (Historisch: Rennes-le-Château-Roman 2)

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Die Mönche der Abtei Saint-Hilaire und die Blanquette de Limoux

Die aus den Weinbergen der “Blanquette” auftauchende Benediktinerabtei Saint-Hilaire liegt im malerischen Tal des Baches Lauquet, etwa 15 km von Carcassonne und 10 km von Limoux entfernt. Die Abtei wurde im Jahr 825 erstmals erwähnt.

Ursprünglich war das Kloster dem heiligen Saturninus, dem ersten Bischof von Toulouse geweiht. Als man aber im Jahr 970 die Überreste des Heiligen Hilaire dort entdeckte, benannte man das Kloster um.
Hilaire war im 6. Jahrhundert Bischof von Carcassonne. Er gilt heute als “Hammer” der Römisch-katholischen Kirche aufgrund seines Kampfes gegen die Häresie der Arianer.

Bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts stand die Abtei unter dem Schutz der Trencavels, der Grafen von Carcassonne, die ihrerseits der Häresie der Katharer anhingen und in Saint-Hilaire ihre Grablege hatten. Was wiederum die rechtgläubigen Kreuzfahrer aus dem Norden veranlasste, mit ganz besonderer Härte gegen die Grafen, das Kloster und die Mönche vorzugehen. Saint-Hilaire wurde verwüstet.

(Die kleinen Bilder können durch Anklicken vergrößert werden!)

Die Blanquette de Limoux und ihre Erfinder

Die Blanquette de Limoux ist ein französischer Schaumwein aus der Region Languedoc. Das Anbaugebiet liegt bei Limoux, im Département Aude in der Region Okzitanien, westlich des Anbaugebietes Corbières. Die im Süden liegenden Hänge bestehen aus kalkreichem Schichtsilikat und Kieselerde. Das Klima wird sowohl vom Mittelmeer wie auch vom Atlantischen Ozean beeinflusst, die für eine ausreichende Sonnenscheindauer und eine gut verteilte Niederschlagsmenge sorgen.
Der Weinbau ist in der Gegend um Limoux bereits seit dem Jahr 931 schriftlich belegt. Der Schaumwein wird erst ab dem Jahr 1531 erwähnt.
Es waren die Mönche der Abtei Saint-Hilaire, denen die Herstellung der Blanquette de Limoux gelang.

Für Genießer: Man unterscheidet die Blanquette de Limoux brute von der Blanquette méthode acestrale, einem alten Herstellverfahren. Es gibt aber noch eine dritte Sorte des berühmten Schaumweins: Der Crémant de Limoux.

À votre santé!

Der Kreuzgang von Saint-Hilaire

Der Kreuzgang mit seinen Spitzbogenarkaden wurde im 14. Jahrhundert errichtet. Die Kapitelle sind mit menschlichen Köpfen, Tieren und Blattwerk verziert. Der Brunnen stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. In der Ostgalerie ist am Sockel der Arkaden ein Schachbrettmuster eingemeißelt, das vermutlich als Rechensystem diente.

Innenansichten der heutigen Pfarrkirche Notre-Dame-de-l’Assomption

Das Glanzstück in Saint-Hilaire ist der “sogenannte” Sarkophag des Heiligen Saturninus – dem ersten Bischof von Toulouse. Angefertigt hat ihn der Meister von Cabestany aus weißem Pyrenäenmarmor!

Näheres über den Meister finden Sie hier: Der rätselhafte Meister von Cabestany!

(Zum Vergrößern bitte anklicken!)

Geschichtliches:
Das Martyrium des Saturninus von Toulouse

Der Legende nach wurde Saturninus im Jahr 250 verhaftet, weil er sich weigerte Jupiter, den höchsten Gott der Römer, anzubeten. Er wurde zum Kapitol von Toulouse gebracht, dort an den Schwanz eines wilden Stiers gebunden und von den Stufen des Kapitols herab zu Tode geschleift (s. mittleres Bild). Um das Jahr 400 überführte man seine Gebeine in die Basilika St-Sernin. Saturninus’ Verehrung ist bereits im 3. Jahrhundert belegt, die Leidensgeschichte, die um 420 verfasst wurde, war im ganzen Westgotenreich verbreitet.

Liebesszenen in der Wohnung des Abtes

Ein besonderes Highlight in Saint-Hilaire ist die prachtvolle Abtswohnung. An den Wänden sind die Wappen aller 55 Äbte von Saint-Hilaire aufgemalt (s. Fotos oben). Auf der farbenprächtigen Holzbalkendecke befinden sich neben Darstellungen von Tieren und Blumen auch Jagd- und Liebesszenen.

Vielen Dank für Ihr Interesse – und à bientôt, bis bald mal wieder!

Weitere magische Geschichten über Limoux? 

Limoux (Aude) – und die rätselhafte Kapelle der Augustiner

Limoux und die Madonna ohne Kopf

LESEN hält wach, garantiert!
“Abkehr”, Thriller (Romanschauplätze: Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Marokko
“Adieu, Marie! – Die Briefe” (Historisch: Rennes-le-Château-Roman 2)

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Die Basilika Notre-Dame de Marceille
und das fehlende “yod”

Vorweg genommen: Notre-Dame de Marceille hat mit der Stadt “Marseille” nichts  zu tun!

Die einsam gelegene Basilika Notre-Dame de Marceille, die seit 1948 unter Denkmalschutz steht, findet man ein Stück außerhalb der südfranzösischen Kleinstadt Limoux, in der Nähe des bekannten Bergnestes Rennes-le-Château. Sie liegt in der Aude-Region, einem uralten Siedlungsgebiet. Der Ortsname “Marceille” soll sich von einer gallo-römischen Villa (einst im Besitz eines Marcellus?) ableiten. Diese könnte in der Nachbarschaft der heutigen Basilika gestanden haben. Notre-Dame de Marceille wurde im 14. – 15. Jh. im Mozarabischen Stil erbaut, aber sie hat eine noch viel ältere Geschichte.

Inschrift der Sonnenuhr von ND de Marceille: “Verflossene Stunden kommen nicht wieder und Tote kehren nicht zurück.”

Notre-Dame de Marceille – Romanschauplatz In meinem Roman “Die Affäre C.” besucht die Protagonistin Sandrine Feuerbach die Örtlichkeit und beschreibt ihre Eindrücke folgendermaßen:

“Die Kirche sah auf der Eingangsseite seltsam verbaut aus. Ein schmaler achteckiger, minarettartiger Turm sowie mehrere kleine Giebeltürmchen auf dem Schiff. Fenster, die eher an ein Wohn- als an ein Gotteshaus erinnerten … Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkten wir, dass das Licht nur durch drei hohe bunte Glasfenster über dem Altar hereinfiel. An den Beichtstühlen vorbei, tasteten wir uns langsam nach vorne. Keine Menschenseele war zu sehen, es war geradezu unheimlich … Auf einem kleinen Tisch in einer Nische flackerten Kerzen. Wir kamen an alten, sehr dunklen Gemälden vorüber, auf denen man kaum Details erkennen konnte, betrachteten Heiligenfiguren, naiv-schöne Wandmalereien und Votivgaben von Pilgern – darunter ein schwerer Stein, der an einer eisernen Kette von der Decke hing –, dann zeigte uns S. ein Bodenmosaik … ein Pentagramm in einem gleichschenkligen Kreuz. Über der Orgel hingen hölzerne Medaillons. Auf einem sei die Bundeslade – foederis arca – abgebildet, versicherte uns S. … Als wir das nördliche Querschiff betraten, ging plötzlich das Licht an. Gold blitzte uns entgegen, Gold wohin man nur sah. Hinter einem kunstvoll geschmiedeten Gitter und einer dicken Glasscheibe saß die Schwarze Madonna …

Notre-Dame de Marceille – ein früher Wallfahrtsort

Fromme Pilger zog es bereits früh an diesen Ort, weil sich dort eine heilkräftige Quelle befand (Linderung von Augenkrankheiten). Und nachdem Wunderquellen, Brunnen und Madonnen einander offenbar bedingen, entdeckte man im 11. Jh. in der Nähe der Quelle auch eine Schwarze Madonna. Die Legende berichtet, ein Ochse hätte sie beim Pflügen gefunden. Vom Bauern nach Hause gebracht, verschwand sie wieder. Ganze dreimal und immer über Nacht. Sie war erst zufrieden, als man ihr eine Kapelle mitten auf dem Feld baute. Seit dem Jahr 1280 ist Notre-Dame de Marceille als Wallfahrtsort bezeugt und machte Furore: Selbst katharisch-gläubige Frauen (Béatris – Kronzeugin der Inquisition) suchten diese Kirche auf (AD 1308), um die Madonna zu besuchen, zu beichten und dabei ihre “Rechtgläubigkeit” zu bekunden, wenn sie unter Beobachtung der Inquisition standen.

Die Schwarze Madonna von ND de Marceille, (bevor Vandalen ihr 2007 den Kopf abschlugen). (Näheres hierzu in meinem  Artikel “Schwarz bin ich, aber schön …)

Notre-Dame de Marceille besticht nicht zuletzt durch die Farbenpracht ihrer Wände, Decken und Fußböden:

(Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!)

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Notre-Dame de Marceille – und das fehlende “yod” In und unter dieser Kirche werden seit grauer Zeit verborgene Schätze, düstere Geheimgänge, verlassene Gräber und verschlüsselte Geheimnisse vermutet. Was ist davon zu halten? Meine Romanheldin und ihre Freunde entdecken eines dieser Geheimnisse:

Die Statue hatte freundliche Augen, ein dunkelbraunes Gesicht unter Schleier und prachtvoller Krone, dazu ein anziehendes verschmitztes Lächeln, obwohl man sie eingesperrt hatte, damit sie nicht wieder davonlief … Wir kamen am Altar vorbei, dessen blaues Gewölbe mit unzähligen goldenen Sternen bemalt war, da hörte ich Steffi fragen: “Was ist denn das hier? Eine Marmorurne mit Schlüsselloch?” Sie stand in einem Seitenaltar und deutete auf einen kleinen weißen Schrein.

“Aber nein, das ist ein alter Tabernakel”, stellte Sokrates fest, “ein Aufbewahrungsort für geweihte Hostien … Das Dreieck darauf ist das Zeichen für die Dreieinigkeit, in seiner Mitte müsste sich das ´Auge Gottes` befinden … Attention!”, sagte er plötzlich … “da ist eine Gravur, hebräische Buchstaben … Seltsam”, er nahm eine der brennenden Kerzen, um besser sehen zu können. “Eigentlich müsste es sich um den Schriftzug JAWEH handeln, den Namen Gottes. Der Kranz außen herum stellt ganz eindeutig den Dornbusch dar, der brennt, aber nicht verbrennt … Doch es sind nur drei Zeichen vorhanden, also handelt es sich hier nicht um das Tetragramm des Gottesnamen! Merkwürdig … auf diesem Tabernakel fehlt der erste Buchstabe des Namens Jahwe, das ´yod`. Übrig bleibt ´Chawa` oder auch ´Chava`.

“Aber was bedeutet das?”

“Chava bedeutet Eve, Eva. Eva oder auch Leben, die Urmutter also.

“Aber wieso verehrt man hier Eva?”, fragte Steffi verwundert. “Ein Tabernakel sollte doch das Allerheiligste beinhalten, oder?”

Tabernakel-Inschrift in ND de Marceille, (hebräisch von rechts nach links zu lesen) Es fehlt das “yod” – lesbar ist “Eve” oder “Eva”

Um mich abzusichern, habe ich die Buchstaben vor Ort abgepaust: Kein “yod” vorhanden!

Fotos anklickbar zum Vergrößern!

Zum Vergleich die Tabernakel-Inschrift aus der Kirche der nahegelegenen Ortschaft Quillan: Hier ist das “yod” ist vorhanden: Lesbar ist “Jahwe”

Ein zweites fehlerhaftes Tetragramm in Kanada

Die Sache mit dem fehlenden “yod”, ging mir nicht mehr aus dem Kopf, und ich hätte sie wohl nicht in meinen Roman einfließen lassen, wenn mir seinerzeit nicht eine Ausgabe von “Les Carnets-Secrets” (Nr. 4, Januar-März 2006) in die Hände gefallen wäre. In diesem Heft stand ein interessanter Artikel: “Montréal, la Nouvelle Jérusalem: La survivance de l`idéal templier”, verfasst von Francine Bernier. Es geht darin um die Kathedrale von Montréal/Kanada, in der dasselbe Phänomen entdeckt wurde. Francine Bernier schreibt darüber:

 “Von allen Hinweisen, die in Montreal gefunden wurden, ist der bedeutendste und aufschlussreichste ohne Zweifel der Tetragrammaton (heiliger Name Gottes in vier hebräischen Buchstaben, YHVH, der über der Kanzel der Basilika von Notre Dame, einem Besitz der Sulpizianer von Montreal, hängt. Dieses heilige Symbol stammt aus der ersten Kirche von Notre-Dame, die 1685 von und für die Herren von Saint-Sulpice, damals die einzigen Herren von Montreal, errichtet wurde. Fotos wurden von einem Dutzend Experten aufgenommen und analysiert, darunter Rabbi Dovid Shirel von Kfar Chabads Gal Enai Institut in Israel. Ihre Analysen konnten ohne möglichen Irrtum bestätigen, dass es nicht vier Buchstaben gab, sondern drei (HVH, und dass diese, ohne den Jod des Anfangs, das weibliche Wort chavah bilden, was Eva, Frau oder Mutter allen Lebens bedeutet. Mit anderen Worten, der Schöpfer ist weiblich, ein gnostisches und ketzerisches Konzept, das zweifellos die “verborgene Seite” der von Jean-Jacques Olier gegründeten Johanniterkirche darstellt.

  Die Verfasserin Bernier merkt hierzu noch an, dass es sich beim fehlenden “yod” keineswegs um einen Fehler oder Zufall handelt, zumal sich in derselben Kathedrale (in der Kapelle der Heiligen Therese von Lisieux) ein zweites fehlerhaftes Tetragramm oberhalb der Kanzel befindet. Außerdem sei eine riesige Statue, die mit geschlossenen Augen daneben sitzen würde, “die Religion” darstellend, in Wirklichkeit eine Darstellung der androgynen Göttin Cybele, die mit Sophia (Weisheit) verbunden ist. Cybele galt als “Mutter allen Lebens”.

Was hat nun Notre-Dame de Marceille mit Kanada zu schaffen?

Das Verbindungsglied ist ein französischer katholischer Priester: Jean-Jacques Olier. Er gilt als Erneuerer des religiösen Lebens im 17. Jahrhundert, gründete die Kongregation der Sulpizianer sowie das berühmte Priesterseminar St. Sulpice in Paris, welches auch im Rätsel von Rennes-le-Château eine Rolle spielt. Im Jahr 1657 entsandte Jean-Jaques Olier Sulpizianer nach Montréal/Kanada für eine dortige Gründung. Ungefähr zeitgleich stand er in enger Verbindung mit dem damaligen Bischof von Limoux, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Notre-Dame de Marceille kontrollierte.

Die Kongregation der Sulpizianer war bekannt für ihre Marienverehrung.

 

 

(Maler unbekannt)

Kleine Schlussbemerkung  
 
Nach S.G.F. Brandon, Religion in Ancien History, New York 1969, leitet sich die Buchstabenkombination JHWH, yod-he-vau-he, von der hebräischen Wurzel HWH ab – in lateinischen Buchstaben EVE, was sowohl “Leben” wie “Frau” bedeutet. Mit dem angefügten “yod” entstand angeblich das Wort, durch das die Göttin ihren Namen als Schöpfungswort anrief – eine in Ägypten und anderen Ländern des Altertums verbreitete Vorstellung.
 
***
 
Hat Jean-Jacques Olier, der Marienverehrer und Erneuerer des religiösen Lebens im 17. Jahrhundert, über den priesterlichen Tellerrand hinausgesehen? Notre-Dame de Marceille, das fehlende “yod” und nicht zuletzt die Anwesenheit der Schwarzen Madonna könnten der Beweis dafür sein.
 
 
 
 
 
 
 
 

LESEN hält wach, garantiert! “Abkehr”, Thriller (Romanschauplätze: Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Marokko “Adieu, Marie! – Die Briefe” (Historisch: Rennes-le-Château-Roman 2)

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Links im Bild: “Die wundersame Quelle von Marceille”

Ans Herz gelegt: Notre-Dame de Marceille als Romanschauplatz Leseproben hier: “Die Affäre C.”, Thriller, “Béatris: Kronzeugin der Inquisition, Historischer Roman

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Helene Köppel

Das Wunder von Rieux-Minervois:
Sainte-Marie – und die eigenartige Siebenzahl

Es waren mal wieder die Werke des Meisters von Cabestany, die mich im Juni 2017 auch in das kleine Dorf Rieux-Minervois, und dort in die Kirche Sainte-Marie geführt haben. Äußerlich auf den ersten Blick anspruchslos – ein siebeneckiger Mittelturm und nur wenige Fenster –, reißt man erstaunt die Augen auf, wenn man das Gebäude betritt. Ein in Südfrankreich einzigartiger Rundbau liegt vor einem, mittig der Altar. Sieben stolze Pfeiler tragen die Arkaden, die ihrerseits die Kuppel stützen: Das Wunder von Rieux-Minervois!

Die Lage von Rieux-Minervois

Rius de Menerbés, wie der Ort auf okzitanisch heißt, liegt zu Füßen der Montagne Noire am Argent-Double, einem Nebenfluss der Aude, mitten im Weinbaugebiet Minervois, etwa 25 Kilometer (Fahrtstrecke) nordöstlich von Carcassonne. Acht Kilometer weiter findet sich das Städtchen Caunes-Minervois.

Zur Historie

Obwohl bereits in gallorömischer Zeit besiedelt, entstand Rieux-Minervois erst um das Jahr 1000, als hier ein castrum, der Vorläufer der heutigen Burg, erbaut wurde. Im 12. Jh. gehörte das ganze Gebiet den Grafen von Minerve, die ihre Besitztümer jedoch während der Albigenserkreuzzüge (s. meine Historischen Romane “Alix” und “Sancha”) verloren, weil sie auf Seiten der Katharer standen.
Simon de Montfort, der militärische Anführer des Albigenserkreuzzuges, ließ im Hauptort Minerve, im Juni 1210, den ersten Scheiterhaufen errichten. 180 Parfaits brannten in der Cesse-Schlucht. Ein weiterer Grund für den Hass gerade auf Minerve lag aber auch, so lächerlich es klingt, an der herausragenden Qualität der dort angebauten Weine. Sie waren vor allem dem Bischof von Narbonne (geistlicher Anführer des Kreuzzugs) ein Dorn im Auge.
Das Minervois gilt als eines der ältesten Weinbaugebiete Frankreichs.

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(Fotos zum Vergrößern bitte anklicken!)

Die Baugeschichte der Kirche Saint-Marie

liegt weitgehend im Dunkeln. Zwar existiert eine Urkunde aus dem Jahr 1079, doch passt dieses Datum nicht zum vorhandenen Gebäude, das in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert wird – in die Zeit der “Großen Ketzerei” – wie man die Häresie der Katharer nannte. Es war aber auch die Zeit, als die Marienverehrung auf ihren Höhepunkt zusteuerte.

 

Hatten die Tempelritter ihre Hände im Spiel?

Man weiß bis heute nicht, wer die außergewöhnliche Heptagon-Kirche von Rieux-Minervois einst in Auftrag gab. Bei oktogonalen oder runden Kirchenbauten (Vorbild die Grabeskirche in Jerusalem) denkt man oft an den Orden der Tempelritter. Es existieren in diesem Fall jedoch keine entsprechenden schriftlichen Dokumente. Noch immer ist alles offen …

Die besondere Architektur

Das Heptagon (Siebeneck) im Innern der Kirche wird umgrenzt von vier mächtigen gemauerten Pfeilern und drei Säulen, die einander abwechseln, wobei zwei Pfeiler unmittelbar nebeneinander stehen. Der Innenraum schließt nach oben ab mit einer erhöhten Kuppel, die sich allmählich aus dem – nicht ganz exakt gemauerten – Siebeneck entwickelt. Der Umgang hat ein rundum verlaufendes Gewölbe, das die seitlichen Schubkräfte der zentralen Kuppelkonstruktion abfängt.
Der Grundriss eines solchen Gebäudes –  außen 14-seitig, innen 7-seitig – sei, so heißt es, recht schwierig zu berechnen. Einfacher wären ein Oktogon (z.B. Aachener Dom) oder ein Sechzehneck (Tomar). Bei der runden Temple Church in London, die, wie Tomar, tatsächlich von den Templern in Auftrag gegeben wurde, endet der Rundbau des Erdgeschosses im Inneren z.B. in einem sechseckigen Obergeschoss.

Eine weitere Besonderheit in Rieux-Minervois besteht darin, dass das Gebäude ursprünglich im Äußeren wie im Inneren quasi “richtungslos” war, auch keine geostete Apsis besaß, so dass man meinen möchte, der Bauherr spielte hier mit dem Thema der “Unendlichkeit”.

 

 

Was steckt denn nun hinter der eigenartigen Siebenzahl?

Mit Zahlen hat man früher nicht nur gerechnet, man maß ihnen auch eine symbolische Bedeutung zu. Die Kirche von Rieux-Minervois liegt zudem auf dem Jakobsweg – und ist zugleich eine Marienkirche. Handelt es sich hier vielleicht um einen alten Initiationsort der Baumeister – wie in der Kirche Santa Maria de Eunate, die ebenfalls auf dem Jakobsweg liegt, jedoch einen achteckigen Grundriss aufweist?
Diese These gefällt mir, zumal der Umgang (Wandelgang) im Inneren darauf hinweist, dass man ihn früher entweder kontemplativ durchschritt oder ihn sogar tanzend durchmaß. 

Wir könnten es hier aber auch mit den “Sieben Säulen der Weisheit” zu tun haben, deren Verkörperung die Jungfrau Maria ist: Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen! (Spr. Salomo 9,1).

Fest steht:
Weisheit zu erlangen ist wohl genauso schwer wie das Errichten eines solchen Gebäudes!

Die Siebenzahl spielt aber nicht zuletzt auch eine Rolle in der Apokalypse des Johannes.

 

 

Der rote Marmor aus dem Minervois

Das Minervois (hier besonders Caunes-Minervois) ist berühmt für seinen “roten Marmor”, der jedoch unterschiedliche Färbungen aufweist: blassrosa, braunrosa und blutrot. Dieser Marmor wurde z.B. auch am Hof des Sonnenkönigs (Ludwig XIV) für die Ausschmückung von Versailles verwendet und man findet ihn noch heute in vielen sakralen Bauten in Südfrankreich. Bis zum 19. Jh. stellte der Abbau, die Bearbeitung und der Verkauf von Marmor für das Minervois-Gebiet einen wichtigen Wirtschaftszweig dar.

Aber nun zu einigen Werken des Meisters von Cabestany

Dem Meister selbst zugeschrieben wird die “Maria in der Mandorla” von Rieux-Minervois, wie sie, von Engeln begleitet, mit geschlossenen Augen himmelwärts fährt. Eine ähnliche Mandorlen-Abbildung findet sich auch auf dem berühmten Tympanon in der Pfarrkirche in Cabestany. Mit Mandorla (ital. für “Mandel”) wird eine Glorie oder Aura rund um eine ganze Figur bezeichnet. Mandorlen sind einzig Christus und Maria vorbehalten.

Näheres zum rätselhaften Meister von Cabestany und seiner Werkstatt: hier klicken!

(Zum Vergrößern bitte anklicken!)

Zwei Tipps am Rande (später mehr)!

Falls es Sie einmal ins Minervois verschlägt, kosten Sie nicht nur den exzellenten Wein, der dort angebaut wird, machen Sie sich auch auf die Suche nach dem “Dolmen des Fados”.
(Ein kleiner Hinweis: Sollten Sie ihn nicht sofort entdecken, achten Sie bitte auf das ohrenbetäubende “Geschrei” der Zikaden, die sich im Gelände rings um den Dolmen befinden! )

Eine weitere interessante Entdeckung!

Die Allée couverte von Saint-Eugène (auch die Allée Couverte von Laure Minervois genannt) ist die drittgrößte Megalithanlage in Südfrankreich. Sie stammt aus der Zeit des Übergangs von der Kupfer- zur Bronzezeit und wurde um 1920 ausgegraben. Sie liegt in der Gemeinde Laure-Minervois in einem Hain aus Aleppo-Kiefern.

Aus dem Wiki-Netz: Innerhalb eines 1992 restaurierten niedrigen Cairns von 25 m Durchmesser, der aus Platten und Trockenmauerwerk besteht, liegt die über 14 Meter lange, in drei Abschnitte unterteilte Kammer des Galeriegrabes. Der Zugang ist weniger als zwei Meter breit, während die durch zwei seitlich aufgestellte Platten zweigeteilte Kammer zwischen drei und vier Metern breit ist. Die Kammer besteht aus 8, vollständig die Höhe erreichende und einigen niedrigeren Platten. Die plattenlosen Bereiche, besonders auf der Westseite, sind aus Zwischenmauerwerk. Die Decksteine sind nicht erhalten und auch der Zugang ist weitgehend zerstört. Der restaurierte Tumulus besteht aus Bruchsteinen. Dieses Galeriegrab ist seit 1931 als Monument historique klassifiziert.

Viel Vergnügen – und Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Helene Köppel